Vom Kegelabend aufs Volleyballfeld: 50 Jahre Volleyball beim SV Oberjesingen
Selbstgeschweißte Netzständer, Flutlicht per Schlüssel und Baggern im Schnee: Im Oktober 1976 gründete eine Handvoll Kegelfreunde die Volleyballabteilung des SV Oberjesingen. Ein halbes Jahrhundert später blicken die Volleyballer auf eine Geschichte zurück, in der Spaß immer an erster Stelle stand.
Es war einmal im Jahr 1976, als einer Kegelgruppe aus Oberjesingen das Kegeln nicht mehr genug war. Man wollte etwas Neues ausprobieren – und wählte eine Sportart, die in Deutschland gerade populär wurde: Volleyball. Die Bundesliga der Männer hatte erst zwei Spielzeiten hinter sich, und ihre Meister kannte man aus dem Fußball: den TSV 1860 München und den Hamburger SV. Die Frauen-Bundesliga startete sogar erst 1976/77 in ihre erste Saison, die der USC Münster als Meister beenden sollte.
Die Kegelfreunde wollten also auch Volleyball spielen – unter ihnen Manfred Neumann und Rainer Pfander, die sich um das Organisatorische kümmerten. Einen eigenen Verein zu gründen, kam nicht infrage, denn das wäre laut Neumann „sicherlich zu viel Mühe“ gewesen. Stattdessen gingen die beiden zum damaligen Vorsitzenden des SV Oberjesingen, Manfred Kehl. Sie versprachen, die neue Abteilung würde den Verein nichts kosten. Der Vorstand gab grünes Licht, und so wurde im Oktober 1976 Volleyball zur zweiten Abteilung im SV Oberjesingen. Den Vorsitz übernahm Neumann – ohne Wahlen, ganz so formal war man damals noch nicht. Von Anfang an war die neue Abteilung für alle offen, für Jung und Alt, für Frauen und Männer.
Zum Spielen brauchte es nun ein Spielfeld, insbesondere ein Netz – und dieses entstand in Eigenleistung. Neumann ging in die ortsansässige Maschinenfabrik Heger und besorgte Stangen und weitere Eisenteile. Auf die Frage nach dem Preis genügte der Hinweis, dass es für den Sportverein sei. Seniorchef Heger winkte ab: „Für den Sportverein? Das ist alles umsonst.“ Mit einem selbstgebauten Elektroschweißgerät wurden eine Bodenplatte und eine Stange zusammengeschweißt und oben ein einfacher Haken angebracht. Damit die Ständer auch tatsächlich standen, kam der Beton von einer anderen Baustelle: Zur selben Zeit wurde in gemeinsamer Arbeit die Wurzach-Hütte gebaut. Als dort die Bodenplatte gegossen wurde, rückten die angehenden Volleyballer mit alten Autoreifen an. Die Stangen wurden in die Reifen gestellt und diese mit dem übrigen Beton ausgegossen. So entstanden die ersten Netzständer der Abteilung: schwer und unverwüstlich. Dazu kam ein einfaches Netz.
Gespielt wurde auf dem Hartplatz des Sportgeländes, der eigentlich für die Fußballer gedacht war. Die Spielfeldlinien wurden mit einem Stock in den Boden gezogen. Als es im Herbst früher dunkel wurde, half ein Elektriker aus dem Verein: Er verlegte einen Schalter für das Flutlicht nach außen, und Neumann bekam einen Schlüssel dafür. „Hart wie wir waren, haben wir sogar im Winter gespielt“, erzählt er. Gebaggert und gepritscht wurde bei Wind und Wetter, zur Not auch im Schnee. Ein krummer Finger mit gerissener Sehne erinnert ihn bis heute an diese Zeit. Hechtbagger standen auf dem harten Untergrund verständlicherweise eher selten auf dem Programm.
Anders als heute war das Miteinander: Obwohl man gemeinsam Volleyball spielte, siezten sich viele Mitglieder noch jahrelang. Und weil es weder Smartphones mit Kamera gab noch jemanden, der sich fürs Fotografieren begeisterte, wurde die Gründungszeit leider nie bildlich festgehalten.
Damit die Hallensportart Volleyball beim SV Oberjesingen auch unter einem Dach gespielt werden konnte, brauchte die Abteilung als Nächstes Hallenzeiten. Manfred Neumann hatte erfahren, dass die kleine Markweghalle in Herrenberg im Sommer nicht belegt war. Seine erste schriftliche Anfrage lehnte die Stadt jedoch ab – aus Sorge, die Volleyballer könnten daraus auch einen Anspruch auf Hallenzeiten im Winter ableiten. Erst ein persönliches Gespräch beim Oberbürgermeister Heinz Schroth brachte die Wende: Die Volleyballer versprachen, im Winter auf die Halle zu verzichten, und bekamen 1978 ihre Sommerhallenzeit. Das eine Spielfeld war klein, aber es reichte.
Mit der neuen Sporthalle in Kuppingen bekam die Abteilung 1980 endlich eine feste Trainingszeit für das ganze Jahr: Die Volleyballer reservierten den Dienstag. Inzwischen war die Abteilung auf 20 Mitglieder angewachsen, und mit den ersten Übungsleitern begann ein geregelter Trainingsbetrieb. Nach dem Aufwärmen im Gymnastikraum im Obergeschoss ging es hinunter in die Halle zum Spielen. Zwei Abiturienten, die im Schulsport Volleyball gelernt hatten, vermittelten den Erwachsenen die Grundtechniken.
Bald suchten die Volleyballer den Vergleich mit anderen Mannschaften. Damals fuhren die Oberjesinger zu vielen Mixed-Turnieren in der Umgebung, unter anderem nach Nufringen, Ergenzingen und bis in den Stuttgarter Norden. „Wir sind immer auf die Turniere gegangen, wo welche waren. Und dann sind auch Leute zu uns gekommen“, erzählt Neumann. Im Februar 1981 richtete die Abteilung in der Kuppinger Sporthalle ihr erstes eigenes Turnier für gemischte Freizeitmannschaften aus, an dem acht Teams teilnahmen. Aus diesen Kontakten entstanden später die traditionellen Turniere der Abteilung: 1989 startete das Frühjahrsturnier, 1995 kam das Herbstturnier dazu.
Und heute? Heute prägt Stabilität die Volleyballabteilung. Die Mitgliederzahl pendelt seit mehr als zehn Jahren um die 40, und Heinz-Michael Nitzschke leitet die Abteilung bereits seit 1998. Das Frühjahrsturnier fand 2018 zum letzten Mal statt, das Herbstturnier gibt es dagegen nach wie vor. Trainiert wird weiterhin jeden Dienstag in der Sporthalle in Kuppingen. Dort trifft man auch immer noch Manfred Neumann an – unverwüstlich wirft er sich mit über 80 Jahren in jeden Ball. Im Sommer spielt man mittlerweile zusätzlich auf dem eigenen Beachvolleyballfeld.
Und so schließt sich der Kreis: Gekegelt wird heute zwar nicht mehr, doch alljährlich in den Herbstferien, wenn die Sporthalle geschlossen ist, nutzen die Volleyballer die Trainingszeit für einen Bowlingausflug.



